Band I

Güllegold

Ein kleiner Auszug

Der Geruch war das Erste. Bevor Kramer den Motor abstellte, bevor er die Tür öffnete, bevor er auch nur einen Fuß auf den Hof setzte. Gülle. Schwer und süßlich. Ein Geruch, der sich festsetzte.

Er kannte ihn. Aufgewachsen zwischen Feldern und Höfen, zwischen Mais und Mastställen. Aber heute war da noch etwas anderes. Etwas Metallisches. Etwas Falsches.

Die Kollegen von der Spurensicherung hatten bereits abgesperrt. Rot-weißes Band flatterte im Wind. Ein junger Beamter stand am Rand, das Gesicht grünlich. Erster Tatort, dachte Kramer. Man gewöhnt sich nie daran.

• • •

Der Bauer hieß Hendricks. Josef Hendricks. Zweiundsechzig Jahre, Witwer, keine Kinder. Ein Mann, der früh aufstand und spät zu Bett ging. Ein Mann, dessen Leben sich zwischen Stall und Feld abspielte.

Jetzt lag er in seiner eigenen Güllegrube. Das Gesicht nach unten. Die Arme ausgestreckt, als hätte er noch nach etwas gegriffen. Nach dem Rand. Nach Hilfe. Nach einem letzten Atemzug.

„Unfall?", fragte der junge Beamte.

Kramer sagte nichts. Er betrachtete die Abdrücke am Rand. Die aufgewühlte Erde. Den einzelnen Schuh, der drei Meter entfernt lag.

Niemand fällt so in eine Güllegrube. Niemand verliert dabei einen Schuh. Niemand.

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