Band IV

Der Tod des Priesters

Ein kleiner Auszug

Die Glocken schwiegen. Zum ersten Mal seit Kramer denken konnte, schwiegen die Glocken von St. Antonius an einem Sonntagmorgen. Keine Frühmesse. Keine Ankündigung. Nur Stille über dem Dorf.

Er fand Pfarrer Winkels in der Sakristei. Auf dem Boden, zwischen Messgewändern und Kerzenwachs. Die Augen offen. Der Mund zu einem letzten Wort geformt, das niemand mehr hören würde.

Dreißig Jahre hatte er hier gepredigt. Getauft. Getraut. Beerdigt. Ein Mann des Glaubens in einer Gemeinde, die kaum noch glaubte.

• • •

„Er war allein?", fragte die Kollegin.

Kramer betrachtete die Spuren auf dem Teppich. Zwei Paar Schuhe. Eines davon nicht das des Pfarrers.

„Nein. Er hatte Besuch."

Die Haushälterin stand draußen, die Hände gefaltet wie zum Gebet. Siebzig Jahre, graues Haar, ein Gesicht, das alles gesehen hatte – oder behauptete, nichts gesehen zu haben.

„Wer war gestern Abend hier?"

Sie schwieg. Nicht das Schweigen der Unwissenden. Das Schweigen derer, die reden könnten, aber nicht wollen.

Kramer kannte dieses Schweigen. In dieser Gegend war es ansteckend.

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